Im Norden nichts Neues

8 Mrz

Es ist Mittwochmorgen kurz vor 9:00 Uhr. Ich nehme die Ausfahrt Laatzen und richte mich fast gewohnheitsmäßig auf den Stau vor dem Messegelände ein. Schließlich ist CeBIT. Aber der Verkehr strapaziert meine Geduld dann doch nicht. Alles läuft wie am Schnürchen. Und das ist gut, sehr gut sogar!

Ich mag die CeBIT, ich mag sie wirklich, aber ich verabschiede mich jedes Jahr ein bisschen mehr von ihr. Der nicht vorhandene Stau ist für mich in diesem Jahr der erste Anlass, ganz leise „Leb wohl“ zu sagen. Zum Leute treffen, ist sie nach wie vor noch ein Top-Ereignis! Trotzdem ist ihr Ende in der bestehenden Form vorprogrammiert, weil sie den Bedürfnissen derer, die sie finanzieren, einfach immer weniger gerecht wird.

Ich gehe kostenlos zur CeBIT, deswegen tue ich mir nicht schwer damit, hinzufahren. Ich treffe ehemalige Kollegen, Kunden, plausche mal hier, mal dort, und gehe auf den ein oder anderen Vortrag.

In diesem Jahr freue ich mich auf die Präsentation der Studie „Was IT-Entscheider 2010 bewegt“. Das verspricht interessant zu werden und wird es tatsächlich auch. Messechef Ernst Raue ist bei seiner Anmoderation fast schon gerührt und betont, dass Veranstaltungen wie diese extrem wichtig für die CeBIT seien. Nur zeigt das recht deutlich, dass sich die Verantwortlichen der CeBIT allem Anschein nach etwas vormachen. Denn man muss gar nicht lange suchen, um zu bemerken, wie weit die Veranstaltung an der Zielgruppe vorbeigeht. Gegenstand der vorzustellenden Studie sind – wie könnte es auch anders sein – mittelständische Unternehmen. So weit, so gut! Man darf also annehmen, dass der Mittelstand im Zentrum der Veranstaltung stehen soll. Doch da belehrt einen das hochkarätig besetzte Diskussionspanel im Anschluss eines Besseren. Die illustre Runde besteht aus Dr. Michael Gorriz, CIO bei der Daimler AG, Dr. Roland Krieg, CIO bei der Fraport AG, Michael Kleinemeier, Geschäftsführer für die DACH-Region bei der SAP AG und Dr. Ralf Schneider, CIO bei der Allianz Deutschland AG. Allesamt Unternehmen die Lichtjahre entfernt sind vom klassischen Mittelstand. Aber vielleicht ging es ja auch nur darum, mal ein bisschen über den Mittelstand zu reden. Der bildet ja schließlich das Rückgrat der deutschen Wirtschaft!

Ich nehme trotzdem ganz viele interessante Erkenntnisse mit und schlendere ein wenig durch die Hallen. Es sind Leute da, aber so richtig eng wird es nirgendwo. Irgendwann erreiche ich eine der immer wieder vorzufinden Freiflächen und muss an den Morgen denken: Nicht nur, dass es keinen Stau gab, auch die Parkplatzsuche war extrem einfach, alles easy.

Am Abend fahre ich nach Hause und überlege, wie der Veranstalter wohl reagieren wird. Die „Überraschung“ kommt am nächsten Tag mit der elektronischen Post als Pressemitteilung. Darin heißt es: „Nach einem starken Start geht die CeBIT 2010 in die zweite Halbzeit. „Die ersten zwei Tage sind hervorragend verlaufen“, sagte Ernst Raue, Vorstand der Deutschen Messe AG am Donnerstag. An beiden Tagen haben wir einen spürbaren Besucherzuwachs verzeichnet. Es läuft wie am Schnürchen.“

Es bleibt also wie in jedem Jahr dabei: eine zusammengeschraubte Erfolgsmeldung, die das Kind nicht beim Namen nennen mag. Die CeBIT stirbt jedes Jahr ein bisschen mehr, und der Veranstalter klammert sich an die Hoffnung, das mit einer Pressemitteilung kaschieren zu können. In Hannover nichts Neues also! Aber vielleicht war ich ja auch auf einer ganz anderen Veranstaltung.

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5 Antworten to “Im Norden nichts Neues”

  1. Frank-Michael Preuss 8. März 2010 um 10:29 am #

    Hallo Herr Schmidt,

    schade, wir hätten uns mal treffen können. Andererseits hatte ich nun auch alle Hände voll zu tun.

    Ihre Beobachtungen sind richtig, auch wenn ich es durch mein „Eingebundensein“ anders erlebe. Ich denke, die CeBIT muss sich gesundschrumpfen, um auf einem realistischen Niveau wieder mehr Qualität und Innovation zu bieten.

    Die Unternehmen, mit denen ich zu tun hatte, waren alle sehr zufrieden und kräftig am expandieren. Da herrschte durchaus eine gute Stimmung. Einhellige Meinung der Aussteller: weniger ist mehr, wir bleiben dabei, sollen doch die ganzen angeschlagenen Unternehmen ruhig wegbleiben. Wir machen Business …

    Und dann stehen dann an vielen Ecken ganz stoisch asiatische, mimisch fast unbewegliche Menschen und verkaufen auf 2,5 qm Standfläche graue Tastaturen und Standardmäuse mit USB-Anschluss – sie erhalten die CeBIT mit am Leben.

    Das Angebot der Konferenzen und Zusatzveranstaltung fand ich ganz ordentlich, das ging dann schon in Richtung CeBIT-Camp, zumal ein Teil in der von Jugend bevölkerten CeBIT-Sounds-Halle 22 ganz munter zu den Asuführungen über Copyrights und Musikindustrie lauschte – alles war in Ordnung.

    Im Westen hingegen sprach die verlassene Westernstadt der erst kürzlich gebauten Hallen eine deutliche Sprache: die Goldgräberzeiten sind vorbei auf der CeBIT. Gähnende Leere auf den Freiflächen – vermutlich werden sie nie wieder alle gefüllt werden …

    In diesem Sinne
    F.-M. Preuss

  2. asprms 8. März 2010 um 10:39 am #

    Ja, schade!

    Aber man munkelt ja schon so ein bisschen, dass die CeBIT mit der Hannover Messe zusammengefasst werden sollte. Sehen Sie das als eine mögliche Option?

  3. Jens Güßregen 8. März 2010 um 11:00 am #

    Hannover Messe und CeBIT zusammen zufassen, wäre sicher ein Schritt nach vorne (back to the roots ;-), aber mal ehrlich, welchen Unterschied macht es, ob ein oder zwei tote Reiter auf einem toten Pferd sitzen.

  4. asprms 8. März 2010 um 11:08 am #

    Ein lebender Reiter könnte den Toten zumindest festhalten, damit der nicht runterfliegt, bis man den Friedhof erreicht hat 🙂

    Aber im Ernst: Ich weiß, nicht ob das der richtige Weg wäre. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man so Anbieter und Anwender besser zusammenbringen kann.

    Zudem könnte man vielleicht mit einer attraktiveren Kostenstruktur arbeiten.

  5. Jens Güßregen 8. März 2010 um 12:02 pm #

    Kostenstruktur ist sicherlich ein Punkt, aber eben nur einer von vielen. Das Umfeld der CeBIT in Hannover hat vor 2 oder 3 Jahren mal beschlossen, die Kosten für Gastro und Hotels wieder in ein vernünftiges Mass zurückzuführen. Ist aber leider nicht geschehen, was sicherlich auch viele Aussteller davon abhält, überhaupt noch in Hannover auszustellen.

    Ein weiterer Punkt ist der Zeitpunkt. Macht es Sinn, in Deutschland 3 (!) Fachmessen gleichzeitig abzuhalten? CeBIT, Embedded World und Logimat gleichzeitig klingt schon massiv nach Absicht. Ausserdem wäre eine Jahreszeit, in der es nicht mehr schneit, auch mal zu überlegen.

    Aber alles hilft nichts, wenn inhaltliche Strategien und Strukturen nicht erkennbar sind. Da hilft es auch nicht, sich nun geradezu verzweifelt wieder als Publikumsmesse ausweisen zu wollen, wo man das „Publikum“ vor Jahren mit absurden Preiserhöhung doch gerade erst verdrängt hat. Und mittlerweile fehlen halt auch die Publikumsmagneten wie Apple, HP oder Nokia.

    „Wenn Du merkst, daß Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“
    Viele Aussteller sowohl auf der CeBIT als auch auf der Hannover Industriemesse haben eben das schon lange erkannt und die Konsequenzen gezogen. Und unausgegorene 3D Technik bringt die Fach-Besucher nicht zurück, sondern nur die „Beutelhamster“.

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